Denervation beim Hund – Ein Erfahrungsbericht

Wer uns schon etwas länger verfolgt weiß, dass unsere Hunde gesundheitlich nicht besonders gesegnet sind. Zwischen den allgegenwärtigen Allergien und dem Krebs existiert jedoch bei Maila besonders eine Dauerbaustelle, die seit Jahren Probleme macht – die Hüfte.

Zur Vorgeschichte
Schon als ich Maila mit einem halben Jahr übernahm war mir bewusst, dass dieser winzige Hund nicht gesund sein kann. In diesem Moment spielte das für mich keine Rolle, denn der Hund brauchte dringend ein neues, schönes zuhause. Also nahm ich sie mit – in dem Wissen dass das kleine pöbelige Tierchen mich später einmal eine große Stange Geld kosten könnte… und so kam es dann auch.

Die Meinungen zu Mailas Gangbild teilten sich seit eh und je in 2 Lager. Die einen sahen einen kranken Hund, die anderen behaupteten vehement, dass sie normal laufen würde und es keinerlei Probleme gab. Laut Vorbesitzer sagte der damalige Tierarzt, dass sich ihr Gangbild „verwachsen“ würde. (Noch heute lache ich herzlich über so eine unprofessionelle Aussage.)

Ich entschied mich, einen Spezialisten aufzusuchen. Wir fuhren also nach Berlin-Spandau. Das erste mal ließ ich dort 2014 ihre Hüfte röntgen. Es war ab diesem Zeitpunkt klar, dass es zu einer OP kommen könnte wenn Maila älter würde. Sie hatte zu diesem Zeitpunkt eine mittelschwere HD und lief zwar etwas schwankend, aber es gab noch keinen Handlungsbedarf. Ihr Hüftkopf und die Pfanne passten nicht optimal ineinander, die Winkel stimmten nicht. Bei Überanspruchung entstehen dementsprechend Schmerzen im Hüftgelenk. Ich behielt also ein Auge auf ihr Gangbild und achtete etwas darauf, wilde Ballspiele zu vermeiden und sie das ein oder andere mal ins Wasser zu schubsen, um den Muskelaufbau zu fördern. Den Wunsch, einen großen Wanderurlaub mit Hund quer durch Deutschland zu machen, mussten wir auf Eis legen.

Ein Kontrollröntgen 2 Jahre später ergab dann, dass sich die HD nicht verschlimmert hatte, sich jedoch ordentlich Arthrose in der Hüfte bildete. Dies ist sehr typisch für Hüftdysplasie. Außerdem wurde ein Wirbel entdeckt, der einen Übergang zwischen Hüfte und Wirbelsäule bildete und irgendwie Fehl am Platze aussah. Dieser irreparable Wirbel existiert normalerweise garnicht und kann im Hohen Alter dazu führen, dass ihr Rückenmark abgequetscht wird. Dies würde zu einer Lähmung der Hinterhand führen. Sowohl der Arzt als auch ich hatten so etwas noch nicht gesehen.
Maila war nun also 3 Jahre alt und bekam zunehmend Schmerzen beim Gehen. Sie würde nie ein Hund sein, mit dem man riesige Ausflüge machen konnte, aber das war okay. Schmerzmittel sollten helfen, wenn es doch mal eine Überbelastung geben könnte.

Im Laufe der beiden darauffolgenden Jahre verschlimmerte sich ihr Gangbild. Sie begann noch wackliger zu laufen und zeigte das typische „Bunny Hopping“ eines HD-Hundes unter Belastung. Manchmal hatte ich das Gefühl, sie wusste garnicht, mit welcher Seite sie zuerst humpeln wollte. Je nach Außentemperatur gab es Tage, an denen sie besser laufen konnte und Tage, an denen nach ein paar hundert Metern schon Schluss war. Besonders im Sommer schien es für sie kaum aushaltbar zu sein. Schmerzmittel gaben kaum Linderung. Es musste also etwas passieren.

Die Diagnose Hüftdysplasie erhält man selten überraschend. Meist gibt es wie bei uns klare Anzeichen. So haben viele Betroffene lange Zeit, um sich darüber klar zu werden, wie sie ihren Hund behandeln lassen möchten. Bei uns stand neben der Denervation auch noch die Femurkopfresektion und eine künstliche Hüfte im Raum.
Mit zunehmendem Alter, Recherche und Arztbesprechung habe ich für mich entschieden, dass Maila nach Möglichkeit keine riesengroße OP bekommen soll. Der Heilungsweg ist schwierig und ich konnte mir nicht vorstellen, dass unser Wirbelwind monatelang ruhig gehalten werden soll, nur um dann unter Umständen eine Hüfte zu haben die zwar nicht mehr schmerzt, aber instabil ist. Für unser rumpeliges Boxerchen wäre das die Höchststrafe gewesen. Noch dazu ist sie mit ihren fast 6 mittlerweile nicht mehr die Jüngste. Wir entschieden uns nach der Vorbesprechung also alle einstimmig für ein erneutes Röntgen und die Denervation.

Die Denervation
Bei der Denervation des Hüftgelenks werden die 3 Hauptnerven die für die Schmerzweiterleitung vom Hüftgelenk zum Gehirn zuständig sind, freigelegt und am Knochen ausgeschabt. Der Hund kann danach alles bis auf den dortigen Schmerz ganz normal spüren und sofort nach der OP wieder selbstständig laufen. Die Denervation kann ein- oder beidseitig gemacht werden. Bei einer beidseitigen HD empfiehlt es sich, beide Seiten gleichzeitig operieren zu lassen, da sich die Genesung sonst unnötig hinzieht und eine Schonhaltung während des Heilungsprozesses wiederum behindert und schmerzt.
Diese OP gehört zu den minimalinvasiven Methoden im Vergleich zu anderen Optionen, in denen Knochenteile entfernt oder Prothesen eingesetzt werden. Laut einer Studie tritt bei etwa 70% der operierten HD-Hunde innerhalb der ersten 3 Tage eine sofortige Besserung der Symptomatik auf.
Es gibt aber auch Hunde, bei denen kaum oder keine Besserung eintritt. Hier kann ggf. eine andere, invasivere Methode nachgeholt werden (zB. die Femurkopfresektion). Die Schmerzausschaltung kann je nach Hund nur 2 Jahre betragen, wenn die Nervenenden nachwachsen sollten. In einem guten Fall kann sie auch „für immer“ helfen. Wichtig ist hier jedoch zu erwähnen, dass die Denervation nicht die HD oder die Arthrose beseitigt, sondern lediglich die Schmerzen nimmt. Die entzündlichen Prozesse bleiben somit bestehen.
Die Kosten für diese Operationsmethode liegen bei etwa 800€ (ohne Nachsorge) und sind im Vergleich noch relativ gering. Bei Hüftdysplasie ist es immer ratsam, einen Spezialisten aufzusuchen, vorher regelmäßig röntgen zu lassen und genau abzuwägen, welche Optionen man wählt.

Der Tag der Tage
Am 12.06.2019 morgens um halb 10 wurde klein Miley ganz entspannt schlafen gelegt und erst einmal geröntgt.
Das Röntgenbild zeigte nun das ganze Ausmaß ihres Problems. Ihre Hüftköpfe wiesen eine tiefe Kerbe auf und waren an den Außenseiten eher Pilzförmig als rund. Die HD war mittlerweile hochgradig und die Arthrose hatte ganze Arbeit geleistet. Nun wurde klar, wieso sie am Vortag bei der Voruntersuchung gequiekt hatte, wenn man ihr Bein streckte. In all den Jahren habe ich sie selten erlebt wenn sie klarmachte, dass ihr etwas wehtat. Wir ließen sie gleich weiterschlafen und sie wurde vom Röntgen in den OP gebracht. Es war ein komisches Gefühl, zu wissen dass nach so vielen Jahren endlich eine Chance bestand dass sie ein ganz normaler Hund sein konnte.

Die OP dauerte etwas mehr als eine Stunde. Als alles getan war, durften wir zu ihr in den Aufwachraum. Sie schlief noch tief und fest, bis sie nach einer halben Stunde versuchte aufzustehen. Als es dann aber tatsächlich nachhause gehen sollte, ließ sie sich wie ein nasser Sack hängen und musste mit einer lieben Helferin ins Auto getragen werden. Man kann sich kaum vorstellen, wie schwer so ein 26 Kilo-Hund ist, wenn er einfach nur schlaff im Arm hängt. Ich in sehr froh, beim Tragen Hilfe gehabt zu haben. Bevor wir gegangen waren, bekamen wir noch Antibiotika, Schmerzmittel und Notfall-Schmerzmittel mit. Maila soll 6 Wochen ruhig gehalten werden.
Zuhause angekommen sah Maila zwar noch etwas mitgenommen aus, konnte aber schonwieder mit dem Schwanz wedeln. Ihre Schwester beschnüffelte ihren kahlrasierten Po und gab ein kleines Küsschen auf ihre Pflaster. Dann wurde zusammengekuschelt der Rausch ausgeschlafen. An diesem Tag habe ich bemerkt, wie komfortabel so ein Hundebettchen sein kann 😉 Wir lagen Stundenlang einfach nur aneinander gekuschelt da.
Am späten Nachmittag ging es dann auf die erste winzige Pipirunde. Sie lief etwas wacklig, aber allein. Ich hatte ihr zur Sicherheit ein Handtuch um die Taille gewickelt um sie zu stabilisieren und sie mit Geschirrgriff die Treppen vor dem Haus hoch- und runterzutragen. Sie schien auf dem Weg der Besserung zu sein.
Gegen Abend wollte ich eine zweite kleine Runde gehen, aber sie ließ sich partout nicht aufrichten. Sie lag einfach nur da und hatte schmerzen. Ich gab ihr das Notfallmedikament und ließ sie schlafen. Abends schob ich sie einfach mit ihrem Bettchen in ihre gewohnte Schlafecke und morgens wieder zurück ins Wohnzimmer.
Ab dem nächsten Morgen ging es ihr stetig besser. Sie lief von nun an ohne Hilfe allein, wollte sogar schon Treppen steigen und konnte wie gewohnt die anderen verfolgen, um ihre Küsschen zu verteilen :* Im Laufe der nächsten Tage kristallisierte sich jedoch ein Problem heraus. Die Wunden heilten schwer und waren sehr geschwollen. Ich musste also in jeder Minute darauf achten, dass sie extrem weich liegt, um die Wundheilung nicht zu stören. Zusätzlich haben wir bei der Kontrolle durch unsere Haustierärztin eine Ladung Silberspray bekommen und ich habe zusätzlich jeden Abend die Wunden desinfiziert. Um ein knabbern zu verhindern, bekam die kleine Madame jeden Abend und wenn ich kurz abgelenkt war, ihren Trichter um.

Mittlerweile sind wir am Tag 10 nach der OP angekommen. Am Montag werden endlich die Fäden gezogen und die kleine Madame kann wieder etwas länger als 30 Sekunden aus den Augen gelassen werden. Die Wunden sehen gut aus und der nackte Po wächst langsam wieder etwas zu 😉 aufs spielen muss sie leider trotzdem noch eine ganze Weile verzichten. Ich hätte nicht gedacht, dass es so schwer für mich sein würde, weniger Zeit mit meinen Hunden in der Natur zu verbringen und Bewegung zu bekommen. Ich denke wir sind alle froh, wenn wir in etwa 4 Wochen nicht mehr ans Haus gefesselt sind.

Hat es was gebracht?
Nun, bis jetzt ist das schwer zu beantworten. Wir sind ja noch im Heilungsprozess und müssen außerdem noch abklären, ob eine Physiotherapie notwendig ist.
Direkt nach der OP hatte ich das Gefühl, dass Maila normaler stehen kann als vorher und auch besser läuft. Mittlerweile gibt es besonders beim Gassi gehen aber auch Momente, in denen ich das Gefühl habe dass alles umsonst gewesen sein könnte. Derzeit vertröste ich mich damit, dass die Wunden einfach sehr tief sind und noch eine Weile zum heilen brauchen. In ein paar Monaten werde ich mehr zur Thematik sagen können und hier ergänzen.

***Update: 21.02.2020***

Mailas OP ist nun über 8 Monate her.
Noch immer bin ich etwas zwiegespalten, ob die OP nun ein voller Erfolg war oder nur bedingt etwas gebracht hat. Maila kann einem ja nicht sagen, ob sie noch immer Schmerzen hat. Jedoch bin ich mir sicher, dass sie ohne OP deutlich schlechter laufen würde als sie es jetzt tut. Es war interessant zu beobachten, wie sich ihr Gangbild in den Monaten nach der OP langsam veränderte. Sie läuft anders, wenn auch nicht wie ein „normaler Hund“. Mittlerweile dreht sie nach Belastung ihre Knie ein oder macht etwas ungelenke Bewegungen über ihren Rücken, jedoch ist das kein wirklicher Bewertungsmaßstab wenn man bedenkt, dass sie ja nicht nur in der Hüfte Probleme hat. Da sich durch die OP ihr Gangbild verändert hat vermuten wir, dass sie hin und wieder schmerzen im Rücken oder eben den Knien hat. Ich bin gespannt, was uns der Sommer bringt, denn hier war es früher deutlich schlimmer als im Winter.
Auch sehr spannend ist es, wenn man auf ihre Bemuskelung schaut. Als junger Hund hat sie unheimlich viel Muskulatur in den Hinterbeinen gehabt. Mit dem Alter und der Verschlimmerung der Problematik nahmen diese jedoch langsam ab. Seit der OP habe ich allerdings das Gefühl, dass sie Muskeln an Stellen bekommt, an denen sie vorher nie welche hatte. Zwar ist sie immernoch ein dürrer Spargel, jedoch sieht man eine klare Veränderung ihres Muskelaufbaus.
Maila ist genauso aktiv wie vor der OP, kann rennen und spielen wie sie Lust und Laune hat. Mit einer anderen Methode wäre das vielleicht nicht möglich gewesen.
Übrigens: Ganz Boxertypisch (gefühlt null Haarwuchs) sieht man beim genauen hinschauen ihre „Rasenkante“, an der ihr das Fell auf dem Rücken geschoren wurde auch nach 8 Monaten noch 😉 ebenso die Narben, jedoch sind sie nicht mehr so deutlich sichtbar wie zu Beginn.
Alles in Allem bin ich froh, diesen Schritt gewählt zu haben und hoffe, dass sie weiterhin weitestgehend ohne Schmerzmittel auskommt – die gibt es nämlich nur noch, wenn wir mal große Runden von 10km+ laufen 🙂

2 Gedanken zu „Denervation beim Hund – Ein Erfahrungsbericht

  1. Hallo 🙂

    vielen vielen Dank für deinen Bericht – wie geht es Maila denn inzwischen?
    Momentan durchforste ich das ganze www auf der Suche nach Berichten über Denervationen, leider ist da nicht so wirklich viel zu finden? Mir scheint, daß diese Art der „Hilfe“ für hüftkranke und arthrosegeplagte Hunde nicht so verbreitet ist? Oder die Leute sich davor scheuen (hört sich ja schon ein bißchen rabiat an).

    Mein Hund ist mittlerweile 10 und hat schlimme Hüftarthrose. Gerne würde ich ihm seine letzten Jahre noch etwas schmerzfreier gestalten, Tabletten helfen nur noch bedingt. Doch auch Tierärzte habe mit dem Thema Denervation Vorbehalte / Vorurteile? Die bisher von mir befragten TÄe haben einhellig abgewunken und gemeint, das lohne sich nicht und sei ein unnützer Eingriff.

    Gerne würde ich von dir lesen, wie es mit Maila und ihrer Hüfte weitergegangen ist……….. dein Blog liegt jetzt in meiner Lesezeichenleiste 😉

    Liebe Grüße von Birge mit Max

    1. Hallöchen 🙂

      Bitte entschuldige, ich habe gerade eben erst deine Nachricht gefunden 🙁 ich hoffe, du liest das trotzdem noch.
      Das Problem an der Denervation im Gegensatz zu den anderen Methoden, HD oder eben Arthrose zu behandeln ist eben, dass wirklich nur der Schmerz verschwindet, der entzündliche Prozess im Körper bleibt erhalten. Vielleicht liegt es daran, dass viele Ärzte da eher abwinken. Es wird, ähnlich wie bei Schmerzmitteln nur das Symptom bekämpft. Allerdings finde ich, dass es für Deinen Hund sehr wohl eine gute Option wäre, denn er ist eben schon etwas älter und so eine große OP ist ja ansonsten auch eine ziemliche Belastung für den Körper. Dazu müsste er sich bei einer Femurkopfresektion ja auch im Gangbild deutlich umstellen, das fällt bei einer Denervation weg. Egal für was du dich entscheidest, lass dich auf jeden Fall von einem Facharzt beraten. Ich kann guten Gewissens Dr. Köhle in Berlin empfehlen. Viele „normale“ Ärzte verfügen garnicht über das Wissen, was sie für so eine Einschätzung benötigen würden. Bei Maila war es im Junghundalter sogar so, dass der Haustierarzt des Vorbesitzers behauptete, dass sich ihre schwere HD (die sie zu dem Zeitpunkt ja auch schon deutlich zeigte) sich alles verwächst 😉 da bekommt man das blanke Grauen, wenn man so etwas hört und dann bedenkt, dass einfach viele Besitzer auf so etwas hören.
      Ich werde heute übrigens noch ein kleines Update in den ursprünglichen Beitrag schreiben, es gab nämlich einige Anfragen die wissen wollten, wie es weitergeht.

      LG Lisa von Hundhoch3

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